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Sensible Männer - Sensibilly Teil 1


Sensible Männer - Sensibilly Teil 1

 

In diesem Interview habe ich einen jungen Mann ausgefragt, der sich selbst als sehr sensibel ansieht. Ich habe schon etliche interessante Gespräche mit ihm führen dürfen und ich bin mir sicher, dass dieses Thema für viele andere Männer auch von Bedeutung sein kann.

 

Mein Interviewpartner möchte anonym bleiben und ich gebe ihm einfach den Namen „Billy“. Ihm ist es wichtig, dass der Fokus auf das Thema an sich und nicht auf seine Geschichte gelegt wird, doch damit ihr euch überhaupt vorstellen könnt, worum es bei diesem Thema geht, gibt es zuerst ein paar Fragen zu seiner persönlichen Geschichte.

 

Gaudi: Was bedeutet es für dich persönlich, sensibel zu sein?

Billy: Meine Sensibilität zeigt sich in Feinfühligkeit und starkem Einfühlungsvermögen. Ich nehme also Gefühle und Stimmungen von mir selbst und von den Menschen in meinem Umfeld intensiver wahr als andere.

 

Gaudi: Wie hat sich das konkret bei dir gezeigt?

Billy: Seit meiner Kindheit habe ich sehr gerne andere Menschen um mich herum und ich bin sehr gesellig. Ich liebe es neue Menschen kennenzulernen und schliesse schnell und gerne neue Freundschaften. Meine sensible Art beschert mir immer wieder tolle Begegnungen mit tiefgründigen und spannenden Menschen. Das ist eher untypisch für sensible Personen, da sich diese tendenziell lieber zurückziehen und oft lieber alleine sind. Ganz im Sinne vom Sprichwort „stille Wasser gründen tief“. Das ist meiner Ansicht nach auch verständlich, weil wir uns sehr schnell langweilen können, wenn uns ein Gespräch oberflächlich oder belanglos erscheint. Ich bin manchmal auch ganz gerne alleine und kann sehr schnell von gesellig zu  zurückgezogen wechseln, oder auch umgekehrt. Andererseits scheue ich mich vor Konflikten und habe grosse Mühe mit jeglichen Formen von Gewalt. Das Unangenehmste an meiner Kindheit ist für mich der gelegentliche Streit zwischen meinen Eltern gewesen. Dass es uns nicht allen so geht, ist mir lange nicht bewusst geworden.

 

Gaudi: Wie ist dir das überhaupt bewusst geworden? Solange man sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt wird ja die eigene Wahrnehmung als „normal“ angeschaut?

Billy: Genau das ist der Knackpunkt! Ist man sich selbst und seinem Verhalten nicht bewusst, so ist man auch dem Verhalten von anderen nicht bewusst. Ohne dieses Bewusstsein wird uns in der heutigen Gesellschaft vorgemacht, dass alle Menschen dasselbe Verhalten haben müssten. Passt man mit seinem Verhalten dann nicht in dieses gesellschaftlich anerkannte Schema der Normalität, dann bekommt man das Gefühl, anders zu sein und man sucht den Fehler bei sich selbst. Natürlich ergeht es nicht jedem so, doch meiner Erfahrung nach und in Austausch mit meinem Umfeld habe ich festgestellt, dass dies ein weit verbreitetes Erlebnis ist. Weiter entstehen dann völlig unbegründete Selbstzweifel. Man verstellt sich und versucht sich anzupassen nur um dazu zu gehören. Das Verlangen nach gesellschaftlicher Akzeptanz ist der Tod für unsere Individualität und ohne diese entwickelt sich unsere Gesellschaft zu einem eintönigen Haufen manipulierter Gestalten…

 

Diese Manipulationen und die stark vernachlässigte Bedeutung von Individualität erkennt man leider erst, wenn man sich mit den gesellschaftlich grundlegenden Themen der Kommunikation und Psychologie auseinandersetzt.

 

Gaudi: Wann bist du dir deiner Sensibilität bewusst geworden?

Billy: Es hat zwei Stufen von „bewusst werden“ gegeben: Als erste Stufe habe ich während meiner Pubertät bemerkt, dass sich mein Verhalten von dem der meisten anderen Buben deutlich unterscheidet, vor allem beim Thema Mädchen. Sehr bald habe ich den Eindruck erhalten, dass man bei den Mädchen nur dann eine Chance haben kann, wenn man sich ihnen gegenüber abschätzig, kaltherzig und gefühllos zeigt. Deshalb habe ich den Fehler bei mir selbst gesucht und habe eine ganze Auswahl davon gefunden. Der vorwurfsvollste Fehler hat so gelautet, dass ich zu lieb für diese Welt sein könnte. Glücklicherweise habe ich den Mut behalten, nie meine Gutmütigkeit aufzugeben, obwohl es damals gewisse Gründe dafür gegeben hätte. Gutmütige Menschen werden heutzutage sehr oft ausgenutzt und das steigert das Misstrauen gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen. Der grösste Fehler von allen ist der gewesen, an mir selbst zu zweifeln. Auf dieser Stufe gilt Sensibilität ganz klar als Schwäche. Viele bleiben leider auf dieser Stufe und finden niemals einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Selbstzweifel.

 

Die zweite Stufe von „bewusst werden“ steht für einen Ausweg aus dem Selbstzweifel und zu dieser Stufe gelangt man erst, wenn man erkennt, dass Sensibilität gar keine Schwäche ist. Diese Erkenntnis scheint nichts Weltbewegendes zu sein, doch genau genommen ist es das! Man muss seine eigene Welt komplett auf den Kopf stellen damit man seine Selbstzweifel in Selbstliebe verwandeln kann. Wir sind es uns nicht gewohnt, positiv zu denken und uns auf das Positive zu fokussieren, doch genau das ist der Weg zur Selbstliebe. Erst wenn man sich seinem eigenen Verhalten bewusst wird und einsieht, dass man dieses Verhalten mit guten Absichten ausführt und dass es absolut nichts Schlechtes daran gibt, erst dann gelangt man zu seinem Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein ist die Basis von Selbstliebe und Selbstliebe ebnet der Ausweg aus dem Selbstzweifel.

 

Gaudi: Wie kannst du irgendetwas Positives daran sehen, wenn du ausgenutzt wirst?

 

Fortsetzung folgt…

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